Hervorgehoben

Zur Aktualität von Freuds Denken in Psychotherapie, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Die Theorien von Sigmund Freud haben unser Selbstbild grundlegend verändert. Seine Konzepte zur Wirksamkeit des Unbewussten nahmen in den vergangenen vielfältigen 80 Jahren Einfluss auf Entwicklungen in Psychotherapie, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Obwohl heute nicht mehr alle seiner Aussagen Gültigkeit haben, hat Sigmund Freud grundlegende psychische Gesetzmäßigkeiten formuliert, die durch aktuelle Forschungsbefunde belegt werden. Die Tagung versteht sich als Beitrag zu einem aktuellen Diskurs über die Psychoanalyse und ihren Anwendungsmöglichkeiten in Wissenschaft & Praxis.

Episode 7: Heidnische Strategien

Prof. Dr. José Brunner

Freuds Versuche, die Glaubwürdigkeit einer Wissenschaft des Unbewussten zu etablieren.
Freuds Ziel war es eine neue Wissenschaft zu etablieren, deren Objekte nicht durch die üblichen Wissenspraxen erfasst werden konnten. Diese Wissenschaft zeichnet sich durch eine Vielzahl wechselnder Modelle und inkommensurabler Sprachen aus, von denen keine als definitiver Rahmen zur Beschreibung des Unbewussten gelten kann.
Heidnische Wissenschaft
Epistemische Pluralität diente Freud nicht nur dazu, die Vielfalt seelischer Konflikte zu erfassen, sondern diese auch performativ vorzuführen. Das Resultat ist eine heidnische Wissenschaft, deren Glaubwürdigkeit darauf beruht, dass sie Überschüsse und Widersprüche einbinden kann, ohne diese in einen übergeordneten Rahmen einzufügen.

Episode 4: Vom Aal zum Ich – Spuren von Freuds frühen physiologischen Arbeiten in der Methodik der Psychoanalyse

Ass.-Prof. Dr. Martin Wieser

Fast zwanzig Jahre lang verfolgte Sigmund Freud die Ambition, Karriere als Forscher im Feld der Physiologie und Neurologie zu machen. Seit den biographischen Texten Siegfried Bernfelds aus den 1940er Jahren sind Freuds früheste wissenschaftliche Arbeiten am Physiologischen Institut der Universität Wien unter Ernst Brücke und am gehirnanatomischen Labor Theodor Meynerts am Wiener AKH bekannt, der Einfluss der Physiologie und Neurologie auf Freuds spätere Arbeiten als Nervenarzt und Psychotherapeut sind jedoch bis heute umstritten. In diesem Vortrag wird die These vertreten, dass sich eine methodologische Kontinuität zwischen der Physiologie des 19. Jahrhunderts, in der Freud akademisch sozialisiert wurde, und der Technik der Psychoanalyse als Forschungs- und Behandlungsinstrument rekonstruieren lässt: Hier wie dort wurde das methodische Leitbild verfolgt, unsichtbare Strukturen durch eine lehrbare Methode stabil und dauerhaft zum Vorschein zu bringen. Im Anschluss an den Literaturwissenschaftler Carlo Ginzburg wird diese Technik des „Spurenlesens“ als disziplinübergreifendes, epistemologisches Schema begriffen, welches sich um die Jahrhundertwende besonders in den Humanwissenschaften großer Beliebtheit erfreute und einen Gegenpol zur Methodologie der Experimentalpsychologie darstellte.

Episode 3: Zur Frage der Laienanalyse 1926 und das geplante deutsche Psychotherapeutengesetz

Rektor Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Alfred Pritz

Das deutsche Parlament plant einen neuen Gesundheitsberuf für Psychotherapie. Sigmund Freud hat in seinem Artikel „Zur Frage der Laienanalyse“ für die Entstehung eines solchen Berufes plädiert. Es werden Parallelen gezogen zur Situation der psychischen Versorgung vor fast 100 Jahren und heute. Dabei wird deutlich, dass die Arbeit an psychotherapeutischen Verbesserungen von Generationen von Psychoanalytiker*innen und anderen Psychotherapeut*innen Früchte getragen hat und zu einer deutlichen Verbesserung der qualitativen wie der quantitativen Angebotsstruktur geführt hat, die schließlich in ein eigenes akademisches Berufsbild mündet.

Rektor Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Alfred Pritz gilt als einer der größten Wegbereiter für die Belange der Psychotherapie und den Psychotherapeut*innen. Ausgehend von den Entwicklungen in Österreich zur Professionalisierung bis hin zur Akademisierung der Psychotherapie, sein Leben und Wirken spiegelt ein großes Stück Professionsgeschichte und Zeitgeschehen wider. Alfred Pritz arbeitete als Psychotherapeut in Wien und New York und lehrte unter anderem an den Universität Wien, Klagenfurt und Lemberg (Ukraine). Er ist Rektor und Professor an der Sigmund Freud PrivatUniversität SFU Wien, Berlin, Paris, Mailand, Linz, Laibach und Präsident des World Council for Psychotherapy.

Episode 2: Sigmund Freud und seine Rezeption in den USA

Prof. Dr. Norbert Finzsch

Sigmund Freud besuchte 1909 die Vereinigten Staaten auf Einladung von G. Stanley Hall, dem ersten Präsidenten der American Psychological Society und Schüler von Wilhelm Wundt. Freud hielt eine Reihe von Vorträgen auf Deutsch in den USA und wurde dafür mit einer Ehrendoktorwürde und einem Stipendium von 750 Dollar belohnt. Anders als in Europa war Freud in den USA schon so bekannt, dass seine Bücher zum festen Lehrstoff der Psychologiestudierenden an der Clark University in Massachusetts gehörten. Die Rezeption der Ideen Freuds entwickelte sich ab 1909 in eigenen Bahnen, unabhängig vom Begründer der Psychoanalyse. Dies hing mit zwei Faktoren zusammen: Der oft eigensinnigen Übersetzung von Freuds Werken ins Englische durch Abraham A. Brill und der Vorgeschichte der Psychologie in den USA, die sehr stark durch Pragmatismus (William James) und Theologie, vor allem durch die Christian Science, beeinflusst war. Hinzu kam die feministische Kritik an Freuds Ideen, in denUSA vor allem durch Karen Horney. Der Beitrag soll die Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse und ihrer Popularisierung in den USA aufzeigen unter besonderer Berücksichtigung der Adaption von Freuds Ideen in den Hollywood-Tonfilmen nach 1950.

Episode 1: Freuds `Moses des Michelangelo`

Mit Professor Dr. Georg Franzen

Sigmund Freuds Beitrag zur Analyse von Kunstwerken besteht darin, dass er spezifisch neue Ansätze zum „Sinn-Verstehen“ von Kunstwerken entwickelte. Er unternahm den Versuch, die unbewusste Bedeutung des Kunstwerks zu verstehen und nachzuvollziehen. Dabei dient die Freud-Studie «Der Moses des Michelangelo» als besonderes Beispiel, an dem die «Erlebnisfiguren» psychoanalytischer Kunstanalyse eruiert, im Vergleich mit Daten und Deutungen der kunsthistorischen Forschung nachgezeichnet und in ihrer Dignität überprüft werden können.
Die Grundlagen der psychoanalytischen Kunstanalyse und deren Anwendungsmöglichkeiten für die Kunsttherapie und kunstwissenschaftlichen Ikonologie werden skizziert.